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Selbstverteidigung
bedeutet Verantwortung
Viele
Anfänger interessiert neben den sportlichen Aspekten unseres
Karate natürlich die Selbstverteidigung. Auch wenn wir für
neue Kurse oder für Anfänger werben steht irgendwo, dass man
sich mit Karate auch verteidigen kann.
Und hier
beginnt die Verantwortung der Vereine. Wenn man mit
Selbstverteidigung Werbung macht, muss man auch
Selbstverteidigung trainieren. Die immer wieder genannten
Säulen des Karate Kihon, Kata und Kumite, befähigen
niemanden zur Selbstverteidigung. Diese Säulen bilden
lediglich die Kampfsportart Karate, es fehlen wichtige
Elemente, um sich effektiv verteidigen zu können. Hier
werden vielleicht Grundlagen gelegt, die gelegentlich auch
das Ziel der Verteidigung erfüllen könnten, aber es wird
nicht die Regel sein. Das perfekte Beherrschen einer
Karatetechnik inklusive einer dynamischen und kraftvollen
Ausführung nützt nichts, wenn man nicht weiß, wie die alten
Meister diese Techniken in der Anwendung verstanden hatten.
Immer wieder sieht man einen Oi-Tsuki Jodan, der mit einem
Age Uke geblockt wird. Immer noch sitzt man hier auf dem
völlig falschen Pferd.
Um
verantwortungsvoll Karate als Selbstverteidigung trainieren
zu können muss man mehr als nur Bahnen und zig Kata laufen
und sportliches Kumite trainieren. Das ständige Trainieren
unter realen Bedingungen ist unabdingbar, um in einer
lebensgefährlichen Situation einen automatisierten Ablauf
abrufen zu können. Meistens hapert es hier schon, dass viele
die realen Angriffe nicht kennen, wie z.B. der typische
Schwinger oder die Kopfnuss oder Tritte, wenn man am Boden
liegt. Da diese nicht bekannt sind, kann auch kein Reiz
abgerufen werden, der eine entsprechende Reaktion ablaufen
lässt. Das Training unter realen Bedingungen muss zeitlich
auch einen höheren Anteil haben, als die Kihon selbst. Heute
ist das Training 70 Prozent ohne Partner (abgesehen vom
Wettkampfkumite) und 30 Prozent Partnertraining. Früher war
das genau umgekehrt und so muss auch das Training aufgebaut
sein. Das Partnertraining der Karatetechniken unter realen
Bedingungen muss einen höheren Zeitanteil haben, um
erfolgreich zu sein, ansonsten werden die
Verteidigungsdrills nicht stress resistent und werden nicht
funktionieren, wenn man sie braucht. Es reicht nicht, wenn
man 45 Minuten eine Technik oder Kata trainiert und für die
Anwendung nur wenige Minuten.
Der nächste
Schritt zur effektiven Verteidigung ist die Kenntnis der
menschlichen Anatomie. Man muss wissen, wie der Körper
funktioniert, wie er reagiert und wo er empfindlich ist.
Dies macht sich das Karate auch zu Nutze. Man schaue sich
nur mal alte Bilder von Funakoshi an, wie er die Hikite
Bewegung dazu nutzte. In einer Verteidigungssituation waren
viele Karatetechniken da, um den Angreifer in ungünstige
Postionen zu dirigieren. Zur Selbstverteidigung gehört, dass
man sich mit den typischen Angriffen und Verhaltensweisen
der modernen Zeit beschäftigt, dazu gehört auch
psychologisches Wissen. Es gehört auch dazu, dass man seine
Mitglieder verantwortungsbewusst mit dem Wissen der
rechtlichen Möglichkeiten und Konsequenzen ausrüstet. Der
Schlüssel zur Selbstverteidigung ist und bleibt das Bunkai
der Kata, egal welchen Stils Wir müssen dazu keine andere
Kampfkunst lernen, wie viele Karateka es auch machen. Unser
Karate hat alles in den Kata gespeichert, dazu muss man die
alten Formen des Karate studieren und man wird überrascht
sein, zu was Karate alles fähig ist. Und ja Karate kann auch
Bodenkampf und er gehört auch zur Verteidigung dazu. „Ein
Karateka geht nicht zu Boden“ ist eine utopische Behauptung.
Im Übrigen gibt es auch fotografische Beweise von Funakoshi,
die dies belegen.
Wir müssen
uns im Klaren sein, dass Karate-Do nicht nur ein Weg sein
kann. Es kann der Weg der Selbstverteidigung sein, Karate
hat alles dazu, wie Wing Tsun oder Krav Maga. Es kann auch
der Weg des Wettkampfes sein oder der Weg des
Gesundheitssportes. Die Wege lassen sich auch miteinander
kombinieren, aber wie überall sind diejenigen, die sich
spezialisieren natürlich auf einem viel höheren Niveau.
Andersherum, können die Spezialisierten nur für ihren
Bereich sprechen. Wichtig ist, dass man seinem Schüler
bewusst macht, welchen Weg man als Trainer eingeschlagen
hat. Wenn man den Weg des Wettkampfes trainiert, so sollte
man seinen Schülern nicht suggerieren, dass sie sich
verteidigen können.
Michael
Schneider, VfL Traben-Trarbach |