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„Zurück in die Zukunft“ –
Traditionelles Shotokan-Karate heute
- Lehrgang
mit Sensei Hiroshi Shirai in Germersheim -
Es
war nicht nur ein Karate-Lehrgang der ganz besonderen Art,
sondern für viele Karatesportler schlechthin der Höhepunkt
des Jahres. Alljährlich, wenn dieses Ereignis vor der Tür
steht, reisen zahlreiche Liebhaber des traditionellen
Shotokan-Karate aus ganz Deutschland und teilweise sogar aus
dem Ausland an. So wurde das Lehrgangsangebot auch diesmal
wieder von Teilnehmern, u.a. aus Frankreich, der Schweiz,
Italien, Belgien, Luxemburg und den Niederlanden dankbar
angenommen.
Kaum jemand kann wohl mehr über die Entwicklung des
Shotokan-Karate berichten und vermitteln als Sensei Hiroshi
Shirai (9. Dan). Der mittlerweile 71-jährige betreibt Karate
seit seinem 18. Lebensjahr. Er war einer der besten und
erfolgreichsten Kämpfer in der Japan Karate Association und
gehört zu den wenigen japanischen Meistern, die seit den
60er Jahren dazu beigetragen haben, Karate außerhalb Japans
zu verbreiten. Heute lebt Sensei Shirai in Mailand und ist
einer der höchstgraduierten und bedeutendsten lebenden
Meister auf dem Gebiet des Karate. Viele namhafte und
erfolgreiche Karateka wie Fugazza, Marchini, Stevens, Naito,
Contarelli sind seine Schüler.
Stets steigt die Spannung an, wenn Sensei Shirai Germersheim
besucht. Auch in diesem Jahr wurde der Lehrgang während des
gesamten Wochenendes wieder von einer ganz besonderen
Atmosphäre begleitet. Das Lehrgangskonzept wurde dahingehend
verändert, dass Sensei Shirai sämtliche Trainingseinheiten
selbst leitete, was wohl einer der Gründe ist, dass der
Lehrgang wieder einen sehr großen Zuspruch erfuhr. Trotz
seines fortgeschrittenen Alters befand sich Sensei Shirai in
hervorragender Verfassung und war hoch motiviert. Dies
erfreute ebenso sehr wie die Tatsache, dass sich in den
Reihen der Lehrgangsteilnehmer auch Größen wie Sensei Carlo
Fugazza und Marc Stevens befanden, was den gesamten Lehrgang
nochmals aufwertete. Denn bei welchen Lehrgängen
demonstrieren schon solche hochkarätigen „Schüler“ die
durchzuführenden Übungen?
Fortgeschrittene hatten bei der gegebenen Konstellation die
Möglichkeit, incl. der schon bekannten „Zugaben“ fast 10
Stunden bei Sensei Shirai zu trainieren, was auch fleißig in
Anspruch genommen wurde. Zahlreiche Sportler hatten bereits
eine höhere Graduierung inne, bevor sie zu Sensei Shirai
gekommen sind. Daher ist es für diese besonders interessant,
auch dessen Unterstufentraining kennen zu lernen und die
Grundlagen zu vertiefen. Dazu gehören einfache, aber
wesentliche Komponenten wie a) geradeaus schauen, b) das
Kommando zu benutzen, um starten zu lernen und die innere
Unruhe zu kontrollieren, c) Kontrolle des Körpers (der
Technik und der Atmung) und des Geistes (Zanshin). Diese
Komponenten sind für gutes Karate unverzichtbar; eine Kata
bspw. wirkt ohne sie oberflächlich.
Beim Unterstufentraining stellte Sensei Shirai diesmal
Übungen zum Erlernen bzw. Vertiefen der Kontrolle von Körper
und Geist in den Mittelpunkt, damit die Teilnehmer das
ernsthafte Annehmen von Angriff und Verteidigung kennen
lernen. So wurde als Werkzeug zunächst Kihon-Ippon-Kumite
verwendet und in der allgemein bekannten Weise ausgeführt.
Danach allerdings war es die Aufgabe des Verteidigers, dem
Angriff des potentiellen Angreifers entgegenzugehen oder gar
zu versuchen, durch seine Haltung den Angriff zu verhindern.
Gelang das Verhindern des Angriffes nicht, war der
Verteidiger dennoch entsprechend vorbereitet und konnte
darauf reagieren. Selbst am Beispiel der Kata wurde der
maßgebliche Einfluss der gesamten Haltung deutlich, nämlich
ob die Ausführung als technische Kata, als Kumite-Kata, als
Selbstverteidigungs-Kata oder als Wettkampf-Kata erfolgt.
Damit gekoppelt ist zwangsläufig die Kontrolle der Atmung.
Die Ein- und Ausatmung vor, während, nach und zwischen den
Techniken wurde notwendigerweise ebenfalls geschult, in
Zusammenhang mit verschiedenen Phasen des Angriffs, der
Verteidigung und des Konters. Ein einfaches Beispiel war das
Einatmen vor dem Start, die Verwendung von ca. 80% der zur
Verfügung stehenden Luftmenge für die Bewegung und die
anschließende Entspannungsphase mit einer Reserve von Luft,
die für die nächste Technik eingesetzt wird. Selbst bei den
ganz jungen Athleten, so Sensei Shirai, seien die Übungen
sehr gut umgesetzt worden und der Effekt bei den Kindern
ganz besonders deutlich.
Im Oberstufentraining wurden diese Aspekte bereits
vorausgesetzt. Als Einstieg ins Training wurde das von
Sensei Shirai entwickelte Prüfungsprogramm zum 1. Dan
trainiert, das den meisten Teilnehmern bereits bekannt ist.
Aufgabe war das Üben der Haltung des Kämpfers, ohne dass die
Grundkomponenten unserer Kampfkunst vernachlässigt werden.
Als Katas wurden diesmal Kanku-Dai und Sochin gewählt. Im
Mittelpunkt stand das von Shirai selbst entwickelte
Standard-Bunkai, wobei zu Einzeltechniken die tiefere
Bedeutung, insbesondere im Hinblick auf die
Selbstverteidigung besprochen wurde.
Was immer bei Sensei Shirai trainiert wird – der Kampf mit
all seinen möglichen Situationen und Strategien steht im
Mittelpunkt allen Übens. Das wurde auch diesmal wieder
deutlich. Ein besonders hohes Trainingsniveau – vor allem in
der Oberstufe - fordert die Teilnehmer nicht nur körperlich.
Allerdings kommen die Lehrgangsteilnehmer zumeist von ihren
Trainern gut vorbereitet, denn wer sich „nur“ bewegen will
ohne tiefgründigeren Blick für die Details beim Kampf, wäre
bei diesem Lehrgang fehl am Platz. Im Gegenteil ist es die
Herausforderung für all diejenigen, die erleben möchten, was
beim Shotokan-Karate alles möglich ist (gerade kürzlich war
in einem anderen Artikel von der „Enttäuschung von Shotokan“
die Rede). Hier besteht die Chance, einen Einblick in das
ungeahnte Spektrum dieser Stilrichtung zu erhalten und
jegliche Zweifel daran zu abzulegen.
So bleibt abschließend festzuhalten, dass Sensei Shirai alle
Erwartungen, mit denen die Lehrgangsteilnehmer anreisten,
mehr als übertraf. Und auch in diesem Jahr entstand wieder
ein bleibender Eindruck. Ein Dankeschön geht auch an die
vielen Helfer, die – wie gewohnt – mit ihrem
selbstverständlichen Engagement zum Gelingen dieses
Lehrgangs beigetragen haben.
Martin Hartung (Pressereferent SKA Germersheim) |