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Bericht vom Trainerseminar mit Pino Arcieri in Worms  

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Trainerseminar mit Pino Arcieri ...
(...dem Landestrainer über die Schulter geschaut!)

Ein Ereignis ganz besonderer Art fand im April in Worms statt. Erstmals stellte ein Landestrainer des RKV den interessierten Trainern des Verbandes sein persönliches Trainingskonzept in einem eigenen Seminar vor. Das wesentliche Ziel war die Überprüfung und Optimierung der eigenen Trainingsmethodik und damit eine Effizienzsteigerung des Trainings. 24 Teilnehmer waren zugelassen; zahlreichen weiteren musste eine Absage erteilt werden. Da wegen der großen Nachfrage das Seminar bereits Wochen vorher ausgebucht war, soll es für alle, die nicht teilnehmen konnten, eine weitere, vergleichbare Veranstaltung im RKV geben.

In einer einführenden Gesprächsrunde wurde unter der Leitung zweier erfahrener Pädagogen, selbst Eltern von zwei karatetreibenden Kindern, Rahmenbedingungen und Entwicklungsmöglichkeiten sowie besondere Probleme und Verhaltensweisen von Kindern und Jugendlichen erarbeitet und diskutiert. Herr Udo Pfeiffer, Rektor einer Schule und Frau Sabine Pfeiffer, Fachleiterin am Staatlichen Studienseminar für das Lehramt (=Lehrerausbildung) bewegen sich beruflich ständig in dem Spannungsfeld zwischen Eltern, Schülern und Lehrern. Aufgrund ihrer persönlichen Erfahrungen stellten sie besonders die Relevanz einer konsequenten Führung junger Menschen in Familie und Schule, aber auch im Verein in den Vordergrund. Als „pädagogisch wertvoll“ stuften  die beiden Diskussionsleiter die Möglichkeiten des Karate-Trainings ein - bezogen auf das später in der Praxis vorgestellte Trainingskonzept.

Ein Schwerpunkt des Seminars war es, zu vermitteln, wie Kinder mit Hilfe des Karatetrainings, zu einer häufig vernachlässigten Selbstdisziplin herangeführt werden können. Dabei ist eines der wichtigsten Ziele, die Konzentrationsfähigkeit der Kinder auf die Ausführung der Techniken, aber auch auf das Training insgesamt, zu erhöhen („Mentales Training“). Als wesentliche Elemente dienen dazu Rituale wie z.B. der An- und Abgruß vor und nach dem Training und beim Partner, die dadurch den Charakter reiner Formalität verlieren. Klare Regelungen und deren konsequente Umsetzung und Einhaltung durch den Trainer sind für die Führung der Jugendlichen von besonderer Wichtigkeit.

Im praktischen Teil wurde das von Landestrainer Pino Arcieri entwickelte Trainingskonzept vorgestellt, welches Kihon-, Kata- und Kumiteübungen für alle Kyu-Grade beinhaltet. Aus Zeitgründen konnten im Rahmen dieses eintägigen Seminars jedoch nur Übungen bis zum 8. Kyu vermittelt werden.

Bei dem vorgestellten Konzept wird der Trainingsschwerpunkt kompromisslos auf die korrekte Ausführung der Techniken gelegt. Somit wird von Anfang an eine solide Basis geschaffen, auf die sich immer weiter aufbauen lässt. Hierzu werden die Bewegungen (zunächst nur Arm- und Fußtechniken, später mit Grundstellungen und Schritten) in Einzelsequenzen zerlegt und nach und nach – nicht in einer Trainingseinheit, sondern über einen längeren Zeitraum - wieder zu einer Technik zusammengefügt  Die Techniken werden zuerst im Stand, dann mit Einzelschritten und später, als mehrere aufeinander folgende Techniken ausgeführt. Wendungen nach Kihon-Übungen sind zunächst nicht zwingend erforderlich und werden erst zu einem späteren Zeitpunkt eingeführt; sie bedürfen der gesonderten Erarbeitung.

Auch Kumite-Übungen werden auf diese Weise trainiert, wobei die Trainingspartner so weit voneinander entfernt sind, dass eine Berührung ausgeschlossen ist. Bspw. die Größe des Partners oder dessen Bewegungsgeschwindigkeit werden bei der eigenen Ausführung aber berücksichtigt. Erst dann, wenn die Schüler die Übungen weitgehend beherrschen, wird die Distanz zwischen den Trainingspartnern kontinuierlich verringert.

Katas werden zunächst ebenfalls in Teile zerlegt, z.B. in Sequenzen mit mehreren Techniken, und separat geübt. Die Richtungen der Techniken im Raum werden dabei Kata bezogen berücksichtigt. Wendungen werden anfangs stark vereinfacht durchgeführt und später u.a. durch Erhöhung der Geschwindigkeit langsam an die eigentliche Ausführung herangeführt.

Für Fortgeschrittene hat Pino ein spezielles Kihonkonzept entwickelt, mit dem die wesentlichen Elemente der Katas als Kihon trainiert werden können.

Eine erste Variante behandelt die katatypischen Armtechniken in Kombination mit Zenkutsu-dachi, Kokutsu-dachi, Kiba-dachi, Nekoashi-dachi und Sanchin-dachi. Eine zweite Übung umfasst die in den Katas enthaltenen Arm-Fuß-Kombinationen und eine dritte die kataspezifischen Sprünge. (Ein geniales Training für die Oberstufe eines Dojos (Anmerkung der Autoren)).

Nach Aussage von Pino ist dies jedoch nur ein Teil des Konzeptes. Spiegelbildliches Üben beispielsweise oder die rückwärtige Ausführung der Kombinationen stellen für besonders Interessierte eine weitere Herausforderung dar.

Auch für die im allgemeinen bei den Karate-Schülern „ungeliebten“ Fußstellungen Kokutsu-dachi und Kiba-dachi – die zugleich bei der Vermittlung an die Schüler so manchem Trainer Kopfschmerzen bereiten – hatte Pino noch einen methodischen Kniff parat, den er den Teilnehmern mit auf den Weg gab.

Ein besonderes Modell zur Motivation der Karateschüler wurde abschließend noch vorgestellt. Als Gedankengrundlage dient die Tatsache, daß Kinder und Jugendliche durchaus Leistungsvergleiche suchen und sich messen möchten. Im Training kann deshalb durch den Trainer eine wettkampfähnliche Situation (aber ohne den üblichen wettkampftechnischen Inhalt!) erzeugt werden, in der zwei oder mehrere Schüler gleichzeitig kurze Übungen mit vorgegebener Aufgabenstellung vorzuführen haben. Es können durchaus beide „gewinnen“, wenn beide die Aufgabe erfüllen, aber auch beide „verlieren“. Die Entscheidung über Gewinner und Verlierer trifft die Gruppe, so dass diese weiterhin aufmerksam bleiben muß. Wichtig ist hierbei die Objektivität des Trainers. 

Während des gesamten Seminars wurde Pino nicht müde, immer wieder darauf hinzuweisen, dass im Vordergrund eines jeden Trainings die korrekte Ausführung der Bewegungen steht, die von den Schülern permanent gefordert werden muss. Die Wiederholung der Übungen zur Vertiefung – oft auch in etwas abgewandelter Form, ohne dabei die Grundprinzipien zu verlassen – dominiert den Trainingsaufbau. Abwechslungsreiches Karate-Training soll dabei vor allem durch die Übungsvielfalt erzielt werden und nicht etwa durch sogenannte „Kleine Spiele“ oder die häufige und meist viel zu frühe Einführung in  immer wieder neue Katas.

Pino hat auch bei diesem Seminar – wie schon häufiger bei seinen Lehrgängen - darauf hingewiesen, dass es – gerade die Ausführung der Techniken  betreffend – keinen Unterschied zwischen dem Training im Dojo und der Ausführung im Wettkampf geben dürfte. Bewegungen würden - so unser Landestrainer – jedoch regelmäßig sowohl für den Kata- als auch für den Kumite-Wettkampf verändert, um ein besseres Ergebnis zu erzielen. Dadurch entstehe eine fachspezifische (i.A. technische) Diskrepanz einerseits zwischen Breiten- und Wettkampfsport und andererseits zwischen Kata und Kumite. Trainer, die ihre Sportler auf Wettkämpfe vorbereiten, arbeiteten daher häufig sogar gegen ihre eigene Überzeugung.

Das gesamte Seminar war – anknüpfend an den einführenden theoretischen Teil durch die beiden Pädagogen - geprägt von Hinweisen und Beispielen aus jahrelanger Karatepraxis. Es ergänzten sich beide Teile zu einem rundum gelungenen Seminar und den Teilnehmern wurde klar, dass das vorgestellte Trainingskonzept sehr wohl seine Berechtigung hat.

Die Teilnehmer waren während des gesamten Tages sehr interessiert und motiviert, wenngleich sich am späten Nachmittag doch erste – nicht unbedingt nur körperliche - Ermüdungserscheinungen einstellten. Das Seminar war sicherlich für jeden eine große Bereicherung.

Formal war das Seminar in zwei Teile gegliedert (Breiten- und Wettkampfsport) und sprach dann auch die Trainer mit verschiedenen Interessenschwerpunkten an. Allerdings ließ Pino auch an diesem Wochenende - wie schon desöfteren bei seinen Lehrgängen – ganz bewusst Fragen offen: Waren die einzelnen Seminarteile tatsächlich den beiden Bereichen zuordenbar oder wurden hier beide Seminarteile auf geniale Weise zu einem einzigen Karate-Do zusammengeführt?

Drei wesentliche Punkte erschienen den Autoren dieses Artikels als Fazit für die Überlegungen eines Trainers, sein Dojo weiterzubringen, besonders erwähnenswert:

  1. das breitensportliche Karate sollte ein gewisses Mindestniveau haben und darf – nicht zuletzt auch in den Augen vieler Trainer - im Vergleich zum Wettkampfsport kein Karate zweiter Klasse sein. Karate als Breitensport – ernsthaft betrieben – hat nach Aussage unseres Landestrainers einen höheren Stellenwert und muss inhaltlich eine höhere Qualität im Vergleich zum Wettkampfkarate haben, weil es u.a. vielfältiger, effektiver und tiefgründiger ist.

  2. der Trainer sollte sich und sein Training stets selbstkritisch überprüfen.

  3. der Trainer sollte auch seine persönliche Entwicklung als Teilziel der Gesamtentwicklung seines Dojos verfolgen.

Sibille Becker, Martin Hartung

© 2006 by RKV

Zuletzt aktualisiert am 09.02.2008 20:03 Uhr

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